Nachruf auf Prof. Dr. Christine Siegert
Die Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte trauert um ihre ehemalige Vorsitzende Prof. Dr. Christine Siegert, die am 3. August 2026 unerwartet verstorben ist. Mit ihrem Tod verliert die Arbeitsgemeinschaft eine herausragende Musikwissenschaftlerin und einen ebenso klugen wie warmherzigen Menschen, der die Arbeit unseres Vereins über viele Jahre entscheidend geprägt hat.
Christine Siegert übernahm den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft in einer Zeit des Aufbruchs. Mit wissenschaftlicher Autorität, organisatorischem Geschick und einer klaren Vorstellung von der Zukunft der rheinischen Musikforschung führte sie den Verein in eine neue Phase seiner Entwicklung. Dabei war es ihr ein Anliegen, die Arbeitsgemeinschaft als lebendiges Forum des wissenschaftlichen Austauschs zu stärken und zugleich ihre Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Wie kaum jemand verstand sie es, die Musikgeschichte des Rheinlands in größere kulturhistorische Zusammenhänge einzuordnen. Ihr Blick richtete sich nie allein auf einzelne Komponisten oder Werke, sondern stets auf die Netzwerke, Institutionen und Menschen, die das Musikleben einer Region prägten. Gerade dadurch eröffnete sie neue Perspektiven auf die rheinische Musikgeschichte und ihre Bedeutung für die europäische Musikentwicklung.
Höhepunkte ihrer Amtszeit waren die beiden von ihr maßgeblich konzipierten und geleiteten wissenschaftlichen Tagungen im Beethoven-Haus Bonn. Die Tagung „Beethoven und seine rheinischen Musikerkollegen“ im Jahr 2022 rückte erstmals das musikalische Umfeld des jungen Beethoven systematisch in den Mittelpunkt und machte deutlich, wie eng sein Schaffen mit den Musikerinnen und Musikern des kurfürstlichen Bonn verbunden war. Mit der Folgetagung „Beethoven und seine rheinischen Musikerkolleginnen“ im Jahr 2024 erweiterte Christine Siegert diesen Ansatz konsequent um die Perspektive der Frauen im musikalischen Netzwerk Beethovens. Die Tagung setzte wichtige wissenschaftliche Impulse und zeigte, wie aktuelle Fragestellungen neue Zugänge zu historischen Quellen eröffnen können.
Christine Siegert verband höchste philologische Genauigkeit mit der Bereitschaft, neue Fragen zu stellen und überlieferte Sichtweisen zu hinterfragen. Forschung war für sie nicht Selbstzweck. Sie verstand Wissenschaft als gemeinsamen Erkenntnisprozess, der vom offenen Austausch unterschiedlicher Perspektiven lebt.
Als Leiterin des Beethoven-Archivs und des Verlags des Beethoven-Hauses Bonn genoss Christine Siegert internationales Ansehen. Ihre Forschungen zu Ludwig van Beethoven und seiner Zeit, ihre editorischen Arbeiten und ihre Tätigkeit als Generalherausgeberin der Beethoven-Gesamtausgabe haben die Musikwissenschaft geprägt. Besonders schmerzlich ist, dass sie die Veröffentlichung ihrer Edition von Beethovens Ouvertüre „Leonore“, an der sie über lange Zeit gearbeitet hatte, nicht mehr erleben durfte. Dieses Werk wird als Teil ihres wissenschaftlichen Vermächtnisses fortbestehen.
Wer mit Christine Siegert zusammenarbeiten durfte, wird sich nicht nur an ihre beeindruckende Fachkompetenz erinnern. Sie begegnete Menschen mit Wertschätzung, hörte aufmerksam zu und förderte den wissenschaftlichen Nachwuchs. Diskussionen mit ihr waren geprägt von Offenheit, Präzision und gegenseitigem Respekt. Sie verstand es, unterschiedliche Positionen zusammenzuführen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der wissenschaftlicher Austausch Freude machte.
Die Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte verliert mit Christine Siegert eine Vorsitzende, die unseren Verein weit über ihre Amtszeit hinaus prägen wird. Vieles von dem, was heute selbstverständlich erscheint, trägt ihre Handschrift. Ihr Engagement, ihre Ideen und ihre Persönlichkeit werden uns fehlen.
Sabine Meine und Robert v. Zahn